Künstliche Intelligenz in der Innenarchitektur

29. März 2024

Innenarchitektin Verena Zaugg beschäftigt sich derzeit mit dem Einsatz Künstlicher Intelligenz (KI) in Design-Prozessen und testet u.a. Midjourney. Welche Chancen bieten solche Text-to-Image-Tools, wo gibt es Limitierungen?

Mit ChatGPT nahm das Interesse an Künstlicher Intelligenz (KI) rasant an Fahrt auf, mittlerweile sind auch Bildgeneratoren wie Midjourney, Adobe Firefly und DALL-E in der breiten Öffentlichkeit angekommen, nun läutet Text-to-video-Modell SORA die nächste Ära ein.

Mich beschäftigt bei Dobas vor allem die Frage, welchen Einfluss KI auf kreative Prozesse in der Innenarchitektur nehmen kann. Wie weit können uns Text-to-Image-Tools in der Konzeption von Innenräumen unterstützen, und wo stossen wir an Grenzen? Dazu habe ich mich die letzten Wochen eingehend mit Midjourney beschäftigt – und soviel sei gesagt: Hier lernt man ein neues Handwerk, das Zeit und Geduld benötigt.

Von der Positionierung zum Prompt

Design-Prozesse für Interior-Projekte beginnen immer mit Festlegung der Positionierung. Ist diese definiert und geklärt, werden Stimmungsbilder – als Innenarchitektin spreche ich von Moods – gesammelt. Mit diesen Bildern vermittle ich dem Kunden meine ersten Ideen für die Innenarchitektur. Typische Mood-Quellen sind Projekte aus Architektur- und Innenarchitektur-Magazinen, fachspezifische Websites, Pinterest oder auch eigene Skizzen. Vorallem bei Pinterest ist die Gefahr gross, sich in der Bilderflut zu verlieren.

Mit Text-to-Image-Tools kommt eine neue, gigantische und sich ständig erweiternde Inspirationsquelle dazu. Neben der Erstellung von eigenen Bildern kann ich in Midjourney mit spezifischen Schlagwörtern nach Bildern suchen, die von anderen User*innen erstellt wurden. Jedes generierte Bild ist öffentlich und kann von allen User*innen eingesehen und verwendet werden.

Durch die Möglichkeit eigene Bilder zu erstellen, vorhandene Bilder mit abgeänderten Prompts weiterzubearbeiten und anhand eigener Skizzen Bilder zu generieren, eröffnen sich spannende Möglichkeiten, um effizienter ans Ziel zu gelangen und meine Design-Vorstellungen in kurzer Zeit darzustellen. Raumbezogene Begriffe wie «Bar» oder «Restaurant» führen zu einem Bild eines fiktiven Raums, Begriffe wie «Moodboard» generieren raumunabhängige Inspirationen.

Prompt Design oder Prompt Engineering

Prompts sind Befehle, nach denen die Künstliche Intelligenz Bilder erstellt. Je nach Reihenfolge der Schlagworte und Beschreibung in den Prompts gewichtet Midjourney die Informationen unterschiedlich. Als Userin bedeutet das für mich: testen, testen, testen – Bild generieren, Prompts ändern und wieder von vorne. Das zielführende Erstellen von Prompts ist definitiv eine Kompetenz, die Übung erfordert, aber auch erstaunliche und erstaunlich schnell Ergebnisse hervorbringt.

Ein Prompt führt in Midjourney jeweils zu vier Vorschlägen, wovon die passendste Option ausgewählt und mit gezielten Anweisungen zum gewünschten Ergebnis weiterentwickelt werden kann. Während des iterativen Prozesses bleibt jedes KI-generierte Bild im Feed, man kann also immer wieder auf vorherige Ergebnisse zurückgreifen.

Im Gegensatz zu Bildmaterial von Quellen wie Pinterest oder iStock, das oft ein ähnliches «Look and Feel» aufweist, lassen sich KI-generierte Bilder – mit wenig Aufwand und ohne technisches Bildbearbeitungswissen – personalisieren und projektspezifischen Anforderungen anpassen. Immer im Hinterkopf, dass jedes Bild öffentlich ist und andere User*innen alle Prompts einsehen können.

Mehr Zeit für Strategie und Storytelling im Raum

Gerade zu Beginn eines Design-Projekts erweist sich KI als wertvoll. Die teilweise langwirige Bildsuche für Moodbilder und für Veranschaulichungsbeispiele lässt sich mit Midjourney merklich verkürzen, sofern man im Prompten geübt ist. Die KI ergänzt auf den Bildern teilweise sogar eigenständig Elemente, um die Atmosphäre auf den Moodboards zu verstärken. Es lassen sich auch Lichtverhältnisse wie «Abenddämmerung» oder «Morgenlicht» inszenieren und damit den Output aufwerten.

Die gesparte Zeit kann für die vorangehende Entwicklung einer Positionierung und eines markenspezifischen Storytellings genutzt werden, was angesichts der oft knappen Budgets für den Design-Part durchaus willkommen ist. Meine Erfahrung zeigt, dass Projekte oft möglichst schnell in die Planung von zeitintensiven Aufgaben wie Baueingaben übergehen sollen und dem eigentlich wichtigen Grundlagenprozess manchmal eher weniger Bedeutung geschenkt wird.

Die Schnittstelle zwischen KI-Können und Mensch

KI kann den kreativen Prozess zweifelsohne bereichern, Zeit sparen und zu unerwarteten Lösungen inspirieren. Von Nutzen sind die beeindruckenden Fähigkeiten von Midjourney und Co. aber eigentlich erst, wenn sie sich mit menschlicher Gestaltungsexpertise verbinden.

Wie wichtig der Erfahrungsschatz einer Innenarchitektin oder eines Innenarchitekten ist, lässt sich am Thema Materialisierung erklären. Ein KI-generiertes, optisch ansprechendes Moodboard allein reicht nicht aus, wenn konkretes Wissen über Materialien, insbesondere für Projekte im Objektbereich, fehlt. Was von mir als Innenarchitektin visualisiert wird, muss für die spätere Umsetzung wenigstens in ähnlicher Form beschafft werden können und vor allem für die Nutzung geeignet sein.

Eine haptische Bemusterung wird ein durch KI generiertes Materialboard auch niemals ersetzen, da die Emotion für ein Material, ohne dessen Beschaffenheit zu fühlen, auf der Strecke bleibt. Darüber hinaus sollte man Materialsamples auch in verschiedenen Lichtverhältnissen und in der Projektumgebung anschauen können. Ich hatte zum Beispiel mal den Fall, dass sich ein ausgewählter Stoff am Projektstandort statisch auflud und es bei jeder Berührung einen kleinen Schlag gab – das Material flog natürlich umgehend aus der Auswahl.

Mein Fazit zu KI im Design-Prozess

Künstliche Intelligenz wird uns künftig in vielen Innenarchitektur-Disziplinen unterstützen können. Trotzdem bleiben Praxiserfahrung, das Feingefühl für einen Raum und Storytelling-Kreativität unersetzlich, um nachhaltige Designs mit Tiefgang zu gestalten, davon bin ich überzeugt.

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